Heute wird es sehr persönlich, auch wenn die Überschrift das nicht vermuten lässt. Anlass ist, dass meine Mutter gestern Abend (nicht zum ersten Mal) wegen Verdacht auf einen Schlaganfall ins Krankenhaus gebracht wurde.

Es war interessant zu sehen, was sich da in mir abspielte!

Zunächst war da natürlich Schock, der sich allerdings recht schnell legte - schließlich war es ja nicht das erste Mal und es lief bisher immer glimpflich ab.

Dann begab ich mich auf die Suche, warum denn jetzt schon wieder. Eine Ursache hatte ich schnell gefunden: Ungesunde Lebensweise! Das hat uns die Medizin über solche körperliche Beschwerden ja gelehrt. Als Kriegs- und Flüchtlingskind, das auch beim Essen große Entbehrungen erlitten hat, ist die Ernährung verständlicherweise einfach nicht die Gesündeste. Dann betätigt sie sich lieber geistig als körperlich - auch nicht gerade die feine englische Art, mit seinem Körper umzugehen. Und schließlich setzt sie sich mit manchen Aktivitäten unter Druck. Ja freilich, das, was sie macht, macht sie im Grunde genommen sehr gern. Aber es artet einfach für meinen Geschmack zu oft in Zwang aus. Aus positivem Stress wird negativer Stress.

Jetzt fragte ich mich, was ich tun kann, damit das Risiko eines erneuten Schlaganfalls minimiert wird. Die Antwort ist im ersten Augenblick sehr frustrierend: So gut wie gar nichts!

Natürlich könnte ich ihr Leben zerpflücken und zu jedem einzelnen Punkt aus obiger Liste die Fehler bis ins kleinste Detail aufzeigen. Aber das weiß sie ja schon lange alles selbst! Außerdem ist sie alt genug, um selbst zu entscheiden, wie sie ihr Leben lebt. Es ist ihr Leben, das sie da lebt.  Es ist ihr Paket, das sie da zu tragen hat. Und sie hat es selbst zu tragen! Das kann ich ihr nicht abnehmen. Wäre es nicht anmaßend, das zu tun? Würde ich damit nicht unterstellen, sie wäre nicht fähig, ihr Leben selbst zu leben?

Kleine Kinder glauben es nicht, wenn man sagt, dass die Herdplatte heiß ist, sie müssen diese Erfahrung selbst machen. Wenn sich das Kind dann die Griffel verbrannt hat, ist es okay. Nein, ich finde es nicht toll, dass das Kind Schmerzen dadurch hat. Aber es hat seine eigene Erfahrung gemacht und — da kann man sich sicher sein — daraus gelernt. Der Einsatz für diese Erfahrung, man könnte auch sagen Lektion, ist eine Weile Schmerz. Nach meiner bescheidenen Erfahrung steigt der Einsatz mit dem Lebensalter, genauso wie die Dauer der Konsequenzen.

Auch ich habe meine eigenen Päckchen zu tragen. Natürlich mein eigenes Leben, aber in diesem speziellen Fall eben auch die Sorge um die Gesundheit und das Leben meiner Mutter. Das habe aber ich zu tragen! Kann ich da nicht froh sein, dass ich nicht ihr Päckchen tragen muss? Für mich ist es eine Erleichterung, dass ich ihr Päckchen in ihren Händen lassen darf!

Das soll nicht heißen, dass mich ihr Leben nicht interessiert, dass ich mich nicht sorge und auch nicht, dass ich mich nicht kümmere. Aber ich darf sie mir nicht auf die Schultern setzen und die Füße für sie spielen und vielleicht auch noch festlegen, wo es lang geht. Ich darf ihr vor Sorge nicht das Leben aus der Hand nehmen. Aber ich darf als helfende Hand oder Stütze für sie da sein.

Deshalb: Paketdienst ade!

Hallo Mami: Ich wünsche Dir natürlich schnelle Genesung und vor allem, dass Du dir deinen größten Wunsch, nämlich 101 Jahre alt zu werden, selbst erfüllen kannst, bei einer Gesundheit und einem Leben, mit dem Du wirklich zufrieden bist!