Ich habe ja schon über Open-Source geschrieben und möchte das Thema mal ein wenig ausbauen. Alle Programme, die ich hier bisher vorgestellt habe, sind Open-Source und stehen unter der GPL (Gnu Public License). Das heißt übersetzt quell-offen und frei.

Das bedeutet, das Programm ist in seiner Grundversion, in der es geschrieben wurde und aktualisiert wird, für jeden frei lesbar. Das heißt aber auch, jeder, der diesen „Slang” versteht, kann sehen, was der Programmierer wie gemacht hat. Jeder kann den Code kopieren und weiterverwenden, abändern oder sich damit das Büro tapezieren, ganz wie er will. Keine Rede vom Schutz des geistigen Eigentums! Meist ist nur vorgeschrieben, dass ein Hinweis auf die Originalversion und dessen Urheber irgendwo enthalten sein muss. Software-Schmieden wie Microsoft und Co. würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn das mit ihren Quellcodes passieren würde!

Aber das ist eben ein Punkt in der Philosophie von Open-Source: Jeder, der etwas verbessern kann oder verändern und vielleicht für sich oder andere anpassen will, darf das tun! Er darf sogar Geld damit verdienen. Mehr noch: Die Software ist meist so frei, dass man sie auch verkaufen könnte. Ich habe es aber noch nicht erlebt, dass für die Software selbst mehr als eine Aufwandspauschale verlangt wurde, zum Beispiel für das Herunterladen und Brennen des Datenträgers. Mit Dienstleistungen rund um Programme in Open-Source kann man aber gutes Geld verdienen. Das verträgt sich sogar mit dem dritten Punkt, den ich weiter unten erwähne.

Ein weiterer Punkt ist die Unabhängigkeit von einer einzelnen Firma oder einem einzelnen Programmierer. Kauft man sich ein Programm und beschließt die Firma oder der Programmierer, das Programm nicht mehr weiter zu pflegen oder geht die Firma hops, dann hat man als Käufer irgendwann ein Problem. Aktualisierungen, Verbesserungen oder neue Versionen (zum Beispiel wegen eines neuen Betriebssystems) sind abhängig von einigen wenigen Menschen und deren Entscheidungen. Die Geschwindigkeit, mit der in solchen Programmen Fehler behoben und Sicherheitslücken geschlossen werden, liegt ebenfalls in deren Ermessen.

Bei Programmen in Open-Source sieht das aber gänzlich anders aus! Die Menschen, die hier tätig sind, machen das zwar meist in ihrer Freizeit, die ja auch recht beschränkt sein kann, aber sie arbeiten freiwillig an diesem Projekt. Das heißt, sie machen das gern. Es bedeutet aber auch, dass der Ehrgeiz dahinter steckt, möglichst gute und fehlerfreie Arbeit abzuliefern. Alleine schon dieser Punkt bedeutet enorme Geschwindigkeit, in der Fehler und Sicherheitslücken behoben werden.

Bei größeren Projekten finden sich oft genug weltweit Interessierte zusammen, um gemeinsam etwas zu Wege zu bringen. Das sorgt auch dafür, dass diese Programme in allen möglichen und unmöglichen Sprachen verfügbar sind. Durch die verschiedenen Zeitzonen kann man sogar davon ausgehen, dass rund um die Uhr daran gearbeitet wird. Und weil hier viele verschiedenen Menschen zusammenkommen, die mit unterschiedlichen Betriebssystemen arbeiten, kann man davon ausgehen, dass das Projekt nicht nur unter Windows läuft.

Einen dritten Punkt würde ich unter Aufklärung 2.0 sehen: Geben und nehmen. Gut, eine normale Handelsbeziehung ist auch ein Geben und ein Nehmen: Ich gebe mein Geld und nehme ein Programm. Bei Open-Source geht es aber in der Regel nicht in erster Linie um Geld. Außerdem müssen die beiden Aktionen Geben und Nehmen nicht in unmittelbarem Zusammenhang stehen und die Reihenfolge ist hier: erst nehmen, dann geben. Das möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen:

Nehmen wir eine Frau, die sich schon länger dafür interessiert, mal in journalistische Arbeit hinein zu schnuppern, vielleicht mal eine Zeitung zu machen. Dafür wäre ein Desktop Publishing Programm nötig. Aber die Dinger kosten einen Haufen Geld. Als Mutter hat sie nicht soviel Spielraum, dass sie diese Investition über mehrere hundert Euro tätigen will. Dann bekommt sie mit, dass es Scribus aus der Open-Source-Szene gibt. Etwas googeln, dann hat sie neben dem Programm auch noch eine Anleitung und ein Forum für Scribus entdeckt. Und nach einiger Zeit hat sie sich so mit dem Programm angefreundet und Spaß an der Sache gefunden, dass sie an der Schule ihrer Kinder eine Schulzeitung ins Leben ruft.

Aber nicht nur, dass sie diese Zeitung macht. Sie hat ein Team aus Schülern und Lehrern um sich geschart und alle haben ihren Spaß dabei. Die Zeitung wird ein richtiger Renner. Die Leser sind immer schon auf die nächste Ausgabe gespannt. Man merkt beim Lesen einfach die Freude, die das Team hat.

Die Frau kennt sich mittlerweile so gut aus, dass sie das Forum immer weniger für Hilferufe braucht. Statt dessen kann sie selbst nun ihr Wissen auch dort weitergeben. Die Mitglieder ihres Teams hat sie ja auch schon eingelernt. Das ist eine ständige Arbeit, weil die Mitglieder zwangsläufig durch die Schule immer wieder wechseln.

Sie gibt also ihr Wissen in verschiedener Form weiter. Sie gibt damit aber auch indirekt eine Denkweise weiter, die über den bisher gewohnten Schlagabtausch Leistung gegen Geld hinausgeht: Ich gebe Dir etwas — in diesem Fall mein Wissen — will nichts dafür, außer daß Du das irgendwann in irgend einem Bereich deines Lebens ebenso machst. Vielleicht auch nicht nur einmal, vielleicht in mehreren Bereichen, vielleicht gehört diese Denkweise bald zu deinen Werten...

Sie ist auch die Quelle einer gehörigen Portion Freude für viele Menschen: Für ihre Teammitglieder, die Schüler, deren Eltern und Lehrer der Schule und für alle, die die Schulzeitung lesen.

Aus einem Programm, das durch die Nettigkeit — oder ist es Selbstlosigkeit? — der Programmierer kostenlos zu haben ist, entsteht also (in diesen zugegebenermaßen mustergültigen Beispiel) so viel Gutes, dass das sicherlich irgendwann in irgendeiner Form auch auf die Programmierer „zurück schlägt”.

Dass man sein Wissen oder seine Fähigkeiten in den Dienst dieses Gedankens stellt, muss ja nicht heißen, dass man all sein Wissen oder all seine Fähigkeiten zu diesem Thema kostenlos zur Verfügung stellt. Das kann man durchaus so portionieren, dass damit einerseits der Open-Source-Gedanke weitergegeben und trotzdem andererseits Geld verdient werden kann.

Man braucht seine Hilfe aber nicht auf diese offensichtlichen Dinge zu beschränken. Ein Webprogrammierer könnte die Homepage des Programms pflegen, ein Marketing-Mensch für die richtigen Texte sorgen und Journalisten zu einem Bericht in ihrer Zeitung oder Zeitschrift animieren, sprachlich begabte Menschen könnten Übersetzungsarbeit leisten und auch Marie Musterfrau, die das Programm eben nur etwas ausgiebiger benutzt, könnte bei der Qualitätssicherung mitarbeiten. Klingt hochgestochen, was? Aber Qualitätssicherung heißt auch, dass jede Version ausgiebig getestet wird, bevor sie veröffentlicht wird. Otto Normalverbraucher hat zwar keine Zeit, sich in das Projekt direkt einzubringen, aber die Kosten für einen der Server, auf der die Homepage läuft, würde er übernehmen oder spendiert hin und wieder eine Pizza für die deutschen Übersetzer... Es gibt viele Möglichkeiten, sich in solch einem Projekt einzubringen und den Gedanken weiter zu tragen.

Das ist es vor allem, was mir Open-Source so sympathisch macht. Miteinander statt Ellenbogen. Nehmen zu dürfen, ohne gleich geben zu müssen. Geben zu dürfen, ohne Gegenleistung zu erwarten. Und mit diesem Text trage ich diesen Gedanken weiter hinaus, einer meiner Beiträge hierzu.

Ich beobachte solches Verhalten in letzter Zeit immer öfter. Sollte sich die Welt nun doch langsam hin zu einer besseren Welt entwickeln? Ist der „Change”, den Barack Obama gefordert hat, unterwegs?