Ich bin in letzter Zeit über ein paar Kommentare in anderen Blogs gestolpert, in denen die Schreiber sich darüber beklagten, dass sie geduzt werden. Solche Bücher lesen sie nicht, solche Webseiten besuchen sie nicht und so weiter. Ich halte nichts von solchen Pauschalurteilen, aber wenn sie wollen, will ich sie nicht aufhalten.

Weil ich das auf meinen Seiten und in meinen Texten aber eben so halte, dass ich den Leser duze, habe ich mir schon meine Gedanken darüber gemacht. Ich weiß nicht, warum diese Menschen so reagieren. Aber ich kann mir ein paar Gründe denken.

Distanzlosigkeit

Im Umgang mit Mitmenschen gibt es ja verschiedene räumliche Distanzzonen:

  • gesellschaftliche Distanz, ca. 2 – 3 Meter

  • persönliche Distanz, ca. 1 Meter

  • intime Distanz, ca. 50 Zentimeter

Diese Grenzen kann man auch auf die Abgrenzung zwischen Sie und Du übertragen. Kaum jemand wird den Gegenüber ohne besonderen Grund (z. B. Arzt, Friseur, Geheimniskrämerei...) in die intime Zone lassen, wenn man sich siezt. Das erste Du wird sich in der Regel auch auf die persönliche Zone beschränken.

Manche Menschen meinen aber, sie könnten in der intimen Zone des anderen herum turnen, wie es ihnen gerade gefällt, weil man ja per Du ist. Ich halte dies für eine grandiose Leistung an Respektlosigkeit. Das Sie ist eine Schranke, die diese Menschen sozusagen im Zaum hält.

Aber anders herum wird auch ein Schuh daraus: Derjenige, der ein Problem damit hat, dass er ungefragt geduzt wird, hat Angst, dass der andere ihm zu dicht auf die Pelle rückt oder ihm gegenüber nicht mehr den Respekt aufbringt, der vielleicht angesagt wäre. Die Angst, jemand könnte ungefragt die persönliche Zone in Richtung intime Distanz verlassen, sorgt dafür, dass diese Menschen andere Leute am besten auch aus der persönlichen Zone heraus halten wollen.

Am Anfang war das Du

Auf der anderen Seite steht, dass wir als kleines Kind jeden geduzt haben. Und wie war das Verhältnis zu den Menschen? In der Regel deutlich offener und vertrauensvoller. War das respektlos?

Als wir jedoch lernten, dass fremde Menschen nicht so einfach geduzt werden sollen, hat sich die oben erwähnte Schranke aufgebaut. Auf der einen Seite der Schranke wird die Distanzzone bewahrt, auf der anderen Seit der Schranke wird die Offenheit und das grundsätzliche Vertrauen fremden Menschen gegenüber weg gesperrt.

Duzen mit Bedacht

Natürlich duze ich die Leser in meinem Geschreibsel in Blog, Newsletter oder Website nicht unüberlegt. Ich will damit erreichen, dass diese Schranke ein gutes Stück weit gesenkt wird, ohne distanz- oder respektlos zu werden. Nicht nur beim Leser, auch ich bin davon immer noch selbst davon betroffen. Ich dringe sozusagen bewusst und ungefragt in die persönliche Zone ein, achte hier aber penibel darauf, nicht in die intime Zone zu kommen.

Vertrauen zeigen

Wenn sich Menschen duzen, dann ist das ein Zeichen von gegenseitigem Vertrauen. Wenn ich also duze, dann gebe ich hier dem Leser quasi einen Vertrauensvorschuss. Auf der anderen Seite mache ich bei meinem Leser aber auch einen tieferen Eindruck, weil er sich sehr persönlich angesprochen fühlt, persönlicher als es das Sie kann. Und es ist ein Angebot: Schau her, ich vertraue Dir, wie wäre es, wenn Du mir auch vertraust?

Das ist zu einem guten Stück sehr manipulativ, das gebe ich zu. Aber andererseits: Wenn jemand zu mir kommt, dann will er, dass ich manipuliere! Wenn er ein persönliches oder berufliches Problem hat und ein Coaching bei mir haben will, dann will er ja, dass ich ihn dahingehend manipuliere, dass das Problem gelöst wird. Wenn er wegen seiner Website zu mir kommt, dann will er ja, dass ich etwas manipuliere, dass seine Website anders wird.

Sie oder Du beeinflusst unser Verhalten

Sicher, es ist gegen sämtliche Gepflogenheiten, unbekannte Menschen einfach so zu duzen. Aber die Gepflogenheiten haben uns dahin gebracht, wo wir heute sind: Ellenbogen-Mentalität, Achtlosigkeit, Gleichgültigkeit...

Das Sie hält den Gegenüber davon ab, mir zu dicht auf die Pelle zu rücken. Aber auch anders herum: Es hält davon ab, den anderen an mich heran zu lassen. In der Extremform bedeutet dies, dass es mir schnurzegal ist, was für Auswirkungen mein Handeln auf andere hat.

Duzen dagegen bewirkt (wenigstens in den meisten Fällen), dass ich mich dem anderen gegenüber verantwortlicher verhalte. Viele Menschen, die man üblicherweise duzt, gehören zu denen, die einem wichtig sind, um die man sich kümmert, denen man nichts Böses will. Ein respektvolles Du beweist, dass ich die Distanzzone und damit den Respekt wahren und trotzdem Vertrauen haben kann. Genau das kann ich mit einem respektvollen Du zeigen.

Wenn aber das Sie die einzige Möglichkeit für mich ist, Distanz und damit Respekt zu wahren, dann sollte ich an mir arbeiten. Egal ob ich derjenige bin, der ungefragt duzt und damit anecke oder ich mich selbst genau daran stoße, dass ich geduzt werde.

Die Seele jedenfalls will geduzt werden!