Das Unterbewusstsein ist so ein Ding: Angeblich hat es jeder, doch wirklich gesehen hat es noch keiner. Ich behaupte ja, ein Unter-Bewusstsein gibt es gar nicht! Jedenfalls nicht in der Bedeutung, die es mir unterschwellig ein flüstert: Das liegt darunter, das, was darüber liegt, ist wichtiger, hat mehr Bedeutung.

Wie kommt es zu dem Begriff Unterbewusstsein?

In diesem Wort steckt natürlich das Wort Bewusstsein. Es hat sich eingebürgert, von Bewusstsein, Unterbewusstsein und − wenn man will − auch noch Überbewusstsein zu sprechen. Es ist die überwiegende Lehrmeinung, dass sich das Bewusstsein erst im Laufe der Zeit entwickelt. Komischerweise fällt das mit der Entwicklung des Verstandes zusammen...

Und was ist vorher? Ist sich der Säugling seiner selbst nicht bewusst? Wenn man schon der Meinung ist, dass die Entwicklung von Verstand und Bewusst(sein) Hand in Hand gehen, dann sollte man nicht von Unterbewusstsein sondern von Unbewusst(sein) reden. Man denkt nicht bewusst darüber nach sondern macht etwas unbewusst. Kaum ein Mensch sagt hier, das habe er unterbewusst gemacht.

Okay, Unbewusstsein hört sich bescheuert an und hat auch ein Geschmäckle, denn Un- impliziert auch solche Bedeutung wie zum Beispiel in Untat.

Bleiben wir daher bei dem Wort Unterbewusstsein, behalten aber die obigen Überlegungen im Auge.

Was ist denn nun das Unterbewusstsein? Ich definiere das Unterbewusstsein als den Teil unseres Selbst, der nicht Verstand ist. Der Teil, der nicht wirklich von der Ratio kontrolliert wird. Als Gegenstück dazu setze ich das Bewusstsein mit dem Verstand gleich.

Wenn wir unterbewusst handeln, dann handeln wir wie ein Säugling oder Kleinkind: Hunger → Schreien, Freude → Lachen, heiß → Finger weg, ... Pauschaliert ausgedrückt: Gefühl/Sinnes-Eindruck/Reiz → Reaktion. Das Unterbewusste beschränkt sich aber nicht nur auf die Ebene von Reflexen und Instinkten, denn auch beim Laufen, Fahrrad fahren, Schwimmen, Auto fahren handeln wir un-/unterbewusst, aus den Erfahrungen und Konditionierungen, die wir bis dahin gesammelt haben. Zum Sammeln von Erfahrungen ist kein Verstand nötig. Hierzu habe ich auch schon in Verstand − einmal anders etwas geschrieben.

Der Verstand wird dazu benötigt, Reize (äußere Sinnes-Eindrücke genauso wie Gefühle) anhand der gemachten Erfahrungen zu bewerten und daraus eine Strategie zum Handeln abzuleiten und Prognosen zu erstellen. Die bis zur Ausbildung des Verstandes gemachten Erfahrungen sind aber nicht gänzlich unbewertet abgespeichert, denn die Grundprogrammierung Schmerz vermeiden und Freude empfinden ist uns in die Wiege gelegt (auch hier wieder: Verstand − einmal anders).

Man kann sagen, bewusstes Handeln ist Handeln, das den Filter des Verstandes durchlaufen hat, unbewusstes Handeln geht an diesem Filter vorbei. Manchmal schleicht sich das unbewusste Handeln am Verstand vorbei, manchmal drängt es den Verstand regelrecht zur Seite. Eine Spinnenphobie ist ein etwas extremeres Beispiel dafür: Der Verstand weiß ganz genau, dass die Spinne einem nichts tut, trotzdem kann man seine heftige Reaktion darauf nicht verhindern. Man hat herausgefunden, dass das Verhältnis Verstand zu Unterbewusstsein ungefähr wie bei ein Eisberg ist, nämlich 1 zu 7. Das erklärt dann auch, warum das Unterbewusstsein manchmal so am Verstand vorbei knallt.

Versuche haben gezeigt, dass der bewussten Reaktion auf einen äußeren Reiz immer eine unbewusste Reaktion vorausgeht. Ist ja auch verständlich, denn Denken − den Verstand einschalten − benötigt Zeit. Also: Reiz → schneller Abgleich mit den gespeicherten Erinnerungen → unbewusste Reaktion → mit Verstand bewerten → Strategie entwickeln → bewusste Reaktion. Man hat übrigens auch herausgefunden, dass selbst das unbewusste Wahrnehmen eines äußeren Reizes schneller abläuft als das bewusste Wahrnehmen. Das Unterbewusstsein ist dem Bewusstsein also immer einen Schritt voraus.

Eine Reaktion, ein Handeln aus dem Bauch heraus ist eine gefühlsmäßige Reaktion und geschieht deutlich schneller als wenn ich meinen Verstand einsetze. Das Gefühl bewertet nur danach, ob es mir gut tut oder nicht. Es stellt keine Hochrechnung an nach dem Motto: „Was wäre, wenn...”

Natürlich kann das Gefühl daneben liegen, keine Frage. Aber sind die Hochrechnungen und Prognosen des Verstandes unfehlbar? Wie sieht zum Beispiel die Hochrechnung, also die Verstandes-mäßige Bewertung, eines neuen Projektes bei einer eher ängstlichen Person aus? Und wie bei einem mutigeren Menschen?

Genauso, wie Du dich oft lieber auf deinen Verstand verlässt und das Gefühl, die Bauchentscheidung anzweifelst und hinten an stellst, solltest Du auch deinen Verstand immer wieder einmal in Frage stellen und lieber auf deinen Bauch hören. Eine gute Balance zwischen den beiden kann man lernen.

Weder Verstand noch Unterbewusstsein sind unfehlbar. Aber weder Bewusstsein noch Unterbewusstsein sind überflüssig! Beide existieren gleichwertig in uns und sind ziemlich stark miteinander verkoppelt. Der Verstand ist zwar die Krone der menschlichen Entwicklung, aber ohne Unterbewusstsein ungefähr so nützlich wie ein gut ausgebildeter Chirurg ohne Skalpell.