... so lange arbeite ich nicht mit Dir!

Das ist starker Tobak, nicht war? Als ich diese Aussage in einem Ausbildungsblock vor eineinhalb Jahren zum ersten Mal gehört habe, konnte ich mich eines Eindrucks von „leichter“ Hochnäsigkeit (oder ist es eher Hochmut?) nicht erwehren. Dieser Spruch hat mich schon heftig irritiert und auch etwas abgestoßen. Andererseits...

...kann ich es auch verstehen, wenigstens jetzt. Etwas schizophren, nicht wahr?

Dieser Satz besagt doch im Kern nur, dass der Trainer den Eindruck hat, dass der Wille seines Aktienten nicht so groß ist, wie er seiner Meinung nach sein müsste, sein Anliegen zu lösen. Da ist ein Hindernis, das ist größer.

Jeder Trainer braucht aber eine Grenze für sein Tun, um sich nicht zu verschleißen. Denn wenn man mit einem Aktienten arbeitet, dann gibt man ja auch nicht gerade wenig von seiner Energie in diese Arbeit. Ein einfaches physikalisches Gesetz: Ohne Energie, ohne Einsatz geschieht in unserer Welt nichts. Wenn der Trainer aber schon im Vorfeld den Eindruck hat, dass sein Energieeinsatz wirkungslos verpufft, warum sollte er dann nicht die Zusammenarbeit mit diesem Aktienten ablehnen oder beenden?

Dem Aktienten täte es allerdings gut, wenn er konkreter erfahren würde, was der Grund ist. Genau deshalb würde ich es nicht auf diese Art und Weise ausdrücken. Ich würde dem Aktienten schon ganz konkret sagen, wie ich die Situation sehe.

Aber wie ist es aus der Sicht des Aktienten?

Bei manchen Aktienten passt es einfach nicht. Entweder ist der Zeitpunkt einfach noch nicht richtig. Oder das Thema passt nicht zum Aktienten. Ich kann mir zum Beispiel sehr schlecht vorstellen, dass ein introvertierter Mensch, der seine Akkus am liebsten bei einem guten Buch auflädt und laute Geselligkeit eher scheut, zur Spaßkanone für jede Situation wird. Oder es ist ein Ziel, das er angeblich mit dem Coaching erreichen will, das er selbst irgendwo ablehnt, aber gesagt bekommen hat: Das musst Du machen!

Es gibt manche Gründe dafür, warum ein Coaching nicht oder zu diesem Zeitpunkt nicht angebracht ist.

Aber dann gibt es auch Menschen, die immer und immer wieder an ein und demselben Thema herum lavieren. Die ein Seminar nach dem anderen besuchen, die schon bei den verschiedensten Coachings, Trainings oder Therapien waren und nicht einmal ansatzweise etwas Greifbares dabei herausgekommen ist. Manchmal werden sie despektierlich als „aus-therapiert“ bezeichnet, andere sprechen von Therapie-Resistenz.

Ja, es gibt Menschen, die sich lieber alle möglichen Körperteile abschneiden lassen würden, als an ihrem Kernproblem zu arbeiten. Die lieber weiter durch eine Hölle gehen, die sie kennen, als sich noch eine weitere Hölle, die Hölle der Veränderung, einzuhandeln. Sie ahnen zwar, dass da vielleicht noch mehr sein könnte, deshalb machen sie diesen Marathon überhaupt mit. Sie können sich vielleicht auch vorstellen, dass es anders wird, aber nicht, dass es wirklich besser oder schöner wird.

Ich bin der Meinung, dass viele dieser Menschen sehr früh in ihrem Leben immer wieder heftige Erfahrungen gemacht haben, die sie in einer für sie positiven Entwicklung gehemmt haben. Diese Erfahrungen hat der Aktient in einem Alter gemacht, in dem er noch absolut keine Chance hatte, sich dem zu entziehen. Das „Schmerzenszimmer“ wurde recht früh gut gefüllt, meist auch sehr gut verschlossen und die Person hat eine extreme Leidensfähigkeit aufgebaut. Um nicht einmal in die Nähe dieses Schmerzenszimmers gehen zu müssen, kommen die seltsamsten Lebensgebilde, Verrenkungen, Schauspielereien, Diagnosen und was es der Ausflüchte mehr geben kann zum Einsatz...

In den seltensten Fällen ist es eine einmalige einschneidende Sache gewesen, davon bin ich überzeugt.

Und? Ist eine Veränderung tatsächlich die Hölle?

Auch hier hilft die Physik weiter, nämlich mit der Massenträgheit. Das ist das Bestreben eines jeden Körpers, seine aktuelle Situation – egal ob in Ruhe oder in Bewegung – möglichst nicht zu verändern. Eine Veränderung würde nämlich Kraftaufwand bedeuten, nicht nur beim Trainer sondern gerade und vor allem beim Aktienten!

Der Preis, den der Aktient zu zahlen hat (neben dem Honorar für den Coach), ist damit einigermaßen klar: Er hat Energie aufzuwenden, um eine Veränderung zu schaffen. Aber der Aktient hat noch keine wirkliche Ahnung, wie viel Energie er aufwenden muss. Und er hat möglicherweise auch nicht den Glauben daran, dass er die nötige Energie aufbringen kann, das durchzustehen. Oder er zweifelt daran, dass die Veränderung für ihn so viel positiven Nutzen bringt, dass der Preis nicht zu hoch wäre. Dass sich der Einsatz auch lohnt. Dass das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Und er hat keine Ahnung, was für Auswirkungen die Veränderung noch hat. Es hängt ja im Leben so manches zusammen, und wenn man an einer Schraube dreht, dann gibt es üblicherweise nicht nur an dieser Stelle eine Wirkung...

Jede Veränderung bringt Änderungen mit sich, sonst wäre es ja keine Veränderung. Aber: „Kommt das heraus, was ich mir vorgestellt und erhofft habe? Halte ich das durch? Bin ich dem gewachsen? Wenn das schief geht, dann ist es wirklich die Hölle. Dann habe ich mich da durchgekämpft und bin trotzdem nicht weitergekommen.“

Bevor dieser Mensch dann in eine zweifelhafte Sache (genauer wäre hier wohl angezweifelte Sache), die möglicherweise nicht die erhoffte Besserung bringt, oder die er vielleicht nicht durchsteht, Energie steckt, bleibt er lieber in der Hölle, die er kennt. Ich habe sogar schon gehört, dass jemand sagte: „Ach, ich habe jetzt so lange so gelebt, für die restlichen paar Jahre lohnt es sich nicht mehr...“

Extreme Leidensfähigkeit hemmt

Diese extrem hohe Leidensfähigkeit sorgt dann auch dafür, daß es für diese Menschen kaum etwas gibt, für das sich der Einsatz von Energie – welcher Art und wie viel auch immer – überhaupt lohnt! Der Aktient hat ja sehr früh gelernt, mit genau diesen großen Scherzen irgendwie umzugehen. Das kennt er und das kann er, oft seit Jahrzehnten. Er kann sich aber – mangels entsprechender Erfahrungen - nicht vorstellen, dass es sich lohnt, Einsatz zu zeigen, weil er sich ein besseres/anderes/schöneres Leben gar nicht vorstellen kann! Es gibt für ihn keinen Grund, „durchs Feuer“ zu gehen.

Meiner Meinung nach liegt das Kernproblem bei diesen Menschen an mangelndem Vertrauen. Es fehlt am Vertrauen in sich selbst, es fehlt am Vertrauen in seine Energie, es fehlt am Vertrauen in seine Leistungsfähigkeit, es fehlt vielleicht auch am Vertrauen in seine Entscheidungsfähigkeit, das Richtige zu tun, oft fehlt sogar das Urvertrauen in das Leben generell...

Das sollte bearbeitet werden, bevor man mit solch einem Aktienten überhaupt an dem Thema arbeiten kann, weswegen er gekommen ist – wenn das dann noch nötig ist.

Sofern der Aktient ausreichend Vertrauen darin bekommt, dass es von Vorteil für ihn ist, sein (Ur-)Vertrauen aufzubauen. Dass sich der den Einsatz für ihn auch wirklich lohnt...

Damit ist dieses Thema bei weitem noch nicht ausdiskutiert, dies ist auch nicht der einzige Aspekt dazu. Aber immer hin ein Bereich, den ich für wesentlich halte.