Ein Schüler bat einmal den Zen-Meister, ihm das alte Koan von der Gans ist in der Flasche zu erklären. Das tat dieser:

“Eine kleine Gans wird in eine Flasche gesteckt und darin gefüttert und gemästet. Die Gans wird immer größer und größer und bald füllt sie die ganze Flasche aus. Jetzt ist sie zu groß, sie passt nicht mehr durch den Flaschenhals. Der Flaschenhals ist zu eng.

Wie kannst du die Gans aus der Flasche herausholen, ohne die Flasche kaputt zu machen und ohne die Gans zu töten?“

Die Frage scheint unlösbar, wenn man sie wortwörtlich nimmt. Aber ein Koan ist immer eine merkwürdige Frage, die man mit den herkömmlichen Denkmustern nicht beantworten kann. Zum Beispiel so was:“ Welchen Ton erzeugt eine Hand, die klatscht?“ Oder eben die Geschichte mit der Gans in der Flasche...

Tagein, tagaus meditiert der Schüler angestrengt. Aber so sehr er die eine oder andere Möglichkeit abwägt, er findet keinen Weg. Das Rätsel ist auf normalem Weg nicht zu lösen. Er ist müde und völlig erschöpft.

Die Frage scheint genauso unlösbar wie viele persönliche Probleme. Du weißt, Du kannst es nicht allen recht machen. Trotzdem versuchst Du es ständig. Du weißt, dass ein 80%-Ergebnis meist völlig ausreicht, zumal Deine 100% ja deutlich über dem liegen, was andere als 100% bezeichnen. Trotzdem rennst Du deinen 100% hinterher. Du weißt, dass das, was deine Nachbarn machen, nichts mit Dir zu tun hat. Trotzdem...

Und dann kommt einer daher und meint, Du könntest ja einfach ausprobieren, was tatsächlich passiert, wenn Du dich anders verhältst. Aber für Dich wäre das so, als ob Du damit dein Leben riskierst – da geht entweder die Gans oder die Flasche kaputt!

Jetzt ist die Gans in der Flasche.

Hast Du auch so eine Gans in der Flasche? Oder gar mehrere? Glas-harte, fest zementierte Überzeugungen und Glaubenssätze? Und Reaktionsmuster, die sich nur in diesen engen Bahnen bewegen können? Die sich irgendwann einmal in deinem Leben gebildet haben? Die sich womöglich aber nie an die Veränderungen in deinem Leben angepasst haben? Die dich behindern? Dann wäre es an der Zeit, eine Lösung dafür zu finden, wie die Gans aus der Flasche kommt, ohne eines von beiden kaputt zu machen:

Da kommt ihm plötzlich die Offenbarung.

Plötzlich versteht er, dass es dem Meister gar nicht um die Flasche oder die Gans gehen kann. Er muss etwas anderes meinen.

Die Flasche ist dein Verstand und du bist die Gans!

Und wenn du dich nur mit dem Verstand identifizierst, fängst du an zu glauben, dass du drinsteckst. So wie die Gans in der Flasche.

Die Flasche sind unsere Konditionierungen, Überzeugungen und Werte, die wir durch Erziehung und Gesellschaft erfahren und meist ungeprüft und ohne darüber nachzudenken übernommen haben. Was ist richtig? Was ist falsch? Was darf ich tun? Was darf ich nicht tun?

Diese Wahrheiten sind aber nicht die Landschaft, sie sind nur eine Landkarte der Landschaft. Sie können immer nur einen ganz speziellen Teil der Wahrheit darstellen! Und die Realität antwortet mit Konsequenzen, aber doch nicht mit Bewertungen und Strafen!

Er rennt zum Meister, um zu sagen, dass die Gans raus ist. Und der Meister sagt:

“Du hast es begriffen. Jetzt lass' sie draußen! Sie war nie drin!“