Vor ein paar Wochen hatte ich ja über Emilie geschrieben, die mit dem Kopf durch die Wand wollte. Ich hatte dort geschrieben, dass es besser gewesen wäre, wenn sie beizeiten ein paar Schritte zurückgetreten wäre.

Manchmal steht man vor Situationen, die einen nerven, belasten, ärgern, unzufrieden machen. Vor manchen Situationen steht man so oder so ähnlich sogar immer wieder.

Das trifft nicht nur – wie bei Emilie – auf die „großen“ Dinge im Leben zu. Auch die Kleinigkeiten sind immer wieder ein Quell ständigen Ärgers. Sei es, dass man mit quengelnden Kindern den wöchentlichen Einkauf im Supermarkt erledigen muss, und – wie so oft – viel zu spät dran ist. Oder sei es, dass es am Arbeitsplatz wieder einmal Ärger mit oder unter den Kollegen gibt. Solche Situationen gibt es zuhauf.

Hier hilft es, wenn man mal einen Schritt zurücktritt und die ganze Sache mal mit etwas Abstand betrachtet. Ja, das wird oft genug gepredigt. Aber selten wird die Frage beantwortet: „Wie schaffe ich es, einen Schritt zurückzutreten?“

Meist hört man dann: Atme ein paar Mal tief durch und trete innerlich zurück! Ja genau, aber wie?

Ich habe dafür eine Übung, die aus drei Schritten besteht. Ich trete sozusagen immer gleich drei Schritte zurück. Und die geht so:

Schritt 1: Nervige/ärgerliche/belastende Situation finden

Denke an eine Situation, die Dich regelmäßig aus der Ruhe bringt, Dich nervt, ärgert oder sonst irgendwie belastet. Ich nehme als Beispiel den oben genannten Wocheneinkauf im Supermarkt. Was denkst Du in dieser Situation ganz genau? Ärgern Dich deine Kinder oder die anderen Menschen? Oder ist es das Einkaufen überhaupt? Ist es der Zeitdruck? Dass Du auf das Geld achten musst und deshalb nicht die Sachen einkaufen kannst, die Du gerne einkaufen würdest?

Wenn Du diese Situation nun vor deinen Augen hast (und noch besser: diese Situation fühlst), dann kommt der zweite Schritt:

Schritt 2: Suche Dir einen Berater

Ja! hole Dir einen Coach! Natürlich kannst Du mich nicht buchen, damit ich mit Dir oder für Dich einkaufen gehe. So war das nicht gemeint. Was ich damit sagen will: Stelle Dir eine Person vor, die diese Situation genau so meistert, wie Du es gerne hättest. Beispiele gefällig?

  • Mahatma Ghandi
  • dein Nachbar
  • Sokrates
  • Pippi Langstrumpf
  • die Verkäuferin an der Käsetheke
  • Till Schweiger
  • Eragon
  • Jesus
  • Yoda
  • Mister Miagi
  • Whopi Goldberg
  • J. R. Ewing
  • ...

Merkst Du was? Dieser Berater muss nicht wirklich existieren. Er kann genauso gut aus Film und Fernsehen, einem Buch oder sonst woher stammen. Du solltest Dir nur vorstellen können, dass diese Person mit der Situation eben genau so umgehen kann, wie Du es Dir für Dich wünschst. Er ist bereits dieser Situation gewachsen. An dieser Person kannst Du Dir ein Beispiel nehmen.

Du musst auch nicht für jede Situation, für die Du diese Übung machst, immer ein und denselben Berater aussuchen. Das wäre eher hinderlich. Suche Dir immer die passende Figur aus. Viel wichtiger ist, dass Du diese Figur als Berater, Idol, Leitfigur für diese Situation akzeptieren kannst. Von dem Du auch sagen kannst: „So wäre ich auch gerne“. Je sympathischer Dir diese Figur ist, desto besser für deinen Erfolg! Ich persönlich tendiere ja zu fiktiven Figuren, denn da haben viele Menschen weniger Probleme, sich das ideale Verhalten vorzustellen (bei mir ist das übrigens meistens Yoda).

Schritt 3: In die Rolle dieses Beraters schlüpfen

Nun stelle Dir wieder die Situation aus Schritt 1 vor, nur dass Du dieses Mal nicht Du selbst bist sondern in die Rolle der Figur aus Schritt 2 schlüpfst. Wie würde sich diese Person verhalten? Wie würde sie mit dieser Situation umgehen? Wie würde sie reagieren? Wie würde sie das meistern?

Vielleicht hätte Till Schweiger ja Spaß daran, den Wocheneinkauf zu machen? Für ihn wäre nicht das Kind an seiner Hand das Problem oder der Zeitdruck sondern die Autogrammjäger. Sokrates (ich meine hier weniger den griechischen Philosophen sondern mehr den Lehrer aus dem Film: „Der friedvolle Krieger“) würde vielleicht fragen: „Wo bist du?“ Yoda würde vielleicht die Augen schließen, tief durch die Nase einatmen, den Kopf schütteln und einen weisen Spruch loslassen. Und Whopi Goldberg würde vielleicht Kinder, Verkäufer und alle anderen Kunden in Grund und Boden quatschen. Ich denke, nun verstehst Du, was ich meine.

Anwendung

Ich habe die beste Erfahrung damit gemacht, wenn ich mir zunächst in einer ruhigen Minute diese Übung zu Gemüte geführt habe. Ich habe also schon, ohne direkt in einer konkreten Situation zu stecken, überlegt:

Habe ich die Situation schon einmal so gesehen, wie ich gerne handeln oder reagieren würde? In welchem „Film“ war das? Dann stelle ich mir noch mal die Situation vor, so, wie ich es gerne hätte. Meist erkenne ich dann sogar erstaunt, dass da nicht wirklich viel Unterschied zu mir ist. Es sind eher die Feinheiten, die den Unterschied machen.

Falls ich die Situation so, wie ich es gerne hätte, nicht in meiner „Filmerinnerung“ gefunden habe, kommt mein Top-Berater an die Reihe: Wie würde Yoda reagieren? Was würde er raten?

Im konkreten Fall „Wocheneinkauf“ würde er mir raten: Der Einkauf ist sowieso fällig! Wenn Du hektisch machst, bist Du dann zwar fünf Minuten schneller mir dem Einkauf fertig, dafür anschließend aber selbst fix und fertig. Die Kinder quengeln nur, weil Du so ungeduldig bist. Und die Zeit, die Du sowieso schon hinten dran bist, holst Du damit auch nicht ein. Nutze dieses Ereignis also, um das Beste daraus zu machen.

Es geht also darum, die Situation durch die Augen eines anderen anzusehen. Damit kommt man automatisch auf den inneren Abstand. Die paar Sekunden, die das dauert, reichen oft schon aus, um auch einen kleinen zeitlichen Abstand zu bekommen, der genauso nötig ist.

Wenn Du diese Übung ein paar mal „trocken“ durchgespielt hast, wirst Du auch in der konkreten Live-Situation relativ leicht darauf zurückgreifen. Und je öfter Du das übst, desto leichter fällt es Dir schließlich.