Der Verstand ist das, was den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet, so heißt es. Und damit soll der Mensch die Krone der Schöpfung sein. Aber wie ist der Mensch überhaupt zu seinem Verstand gekommen? Aus einer Laune der Natur? Könnte es nicht sein, dass sich der Verstand aus dem Streben der Natur entwickelt hat, für möglichst gute Überlebenschancen zu sorgen?

Schauen wir uns einmal die Überlebensstrategie des Menschen an. Diese arbeitet nach drei grundlegenden Regeln, die auch die grundlegende Motivation all unseres Handelns sind:

 

  • Schmerz vermeiden
  • Freude empfinden und
  • Energie sparen

(Anmerkung von 12. März 2012: Da fehlte noch was, das habe ich hier ergänzt und erläutert: „Verstand − einmal anders“ und das Streben nach mehr)

Ich sehe da vier Stufen, in die die Überlebensstrategie aufgeteilt werden kann. Die erste Stufe kommt gleich nach der Geburt zum Tragen:

1. Reflexe

Nach der Geburt kommen gleich die ersten Reflexe: Das Baby klammert sich an das Erstbeste, was es grabschen kann und schreit als Reaktion auf die unsanfte Behandlung und um darauf aufmerksam zu machen, dass es Schmerzen hat. Das Saugen an der Mutterbrust ist ein ebensolcher Reflex. Dies ist sozusagen die Grundstufe der Überlebensstrategie.

Reflexe sind eine einfache Wenn-dann-Beziehung: Wenn Reiz A, dann starte Aktion B. Es ist ein einfaches Muster, zu dem keine Daten-verarbeitende Einheit wie unser Gehirn benötigt wird. Dies beschleunigt übrigens die Reaktion ungemein, was zum Beispiel bei einer heißen Herdplatte doch enorme Vorteile hat!

Die Reflexe sind uns angeboren, gehören also zur Grundprogrammierung.

2. Instinkte

Die nächste Stufe sind die Instinkte. Meiner Auffassung nach gibt es drei Grund-Instinkte: Den Überlebensinstinkt,  den Rudelinstinkt und den Vergnügungstrieb.

Der Überlebensinstinkt (direkter Überlebenstrieb, Sicherheitsinstinkt) ist klar, denn wozu sollte man sonst da sein? Motivation: Schmerz vermeiden. Wäre er nicht, dann würden die Menschen nicht zu den erfolgreichen Arten dieser Welt zählen. Und wo die nicht erfolgreichen Arten geblieben sind? Das graben die Archäologen immer wieder aus.

Der Rudelinstinkt (Gemeinschaftsinstinkt, Rangordnungsinstinkt) war einfach nötig, denn der Mensch war ja schließlich nicht immer an der Spitze der Nahrungskette...

Aber Vergnügen (Genusstrieb, Spieltrieb) als Instinkt? Ja, das ist notwendig, weil die Natur dem Menschen ja das Energiesparprogramm mitgegeben hat! Denn was würde passieren wenn zum Beispiel die Selbsterhaltung nur mit dem Energiesparprogramm verknüpft wäre, also ohne Vergnügungstrieb? Bei Hunger (Schmerz im Magen, der zu vermeiden ist) würde man futtern, was gerade in der Nähe ist. Dann ist man irgendwann einmal so satt, dass der Schmerz nun zu viel Futter signalisiert und man legt sich hin, lässt sich die Sonne auf den Pelz brennen und verdaut. Der Hunger meldet sich erst wieder, wenn es wirklich notwendig ist. Dann könnte es jedoch sein, dass nicht Essbares mehr in der Nähe ist. Wenn man einen längeren Anmarsch zur nächsten Futterstelle hat, könnten die vorhandenen Energien nicht mehr ausreichen, um sie zu erreichen.

Also hat sich die Natur den Vergnügungstrieb, Abteilung Genuss, überlegt. Motivation: Freude empfinden. Das funktioniert recht gut, denn wenn das Essen nicht schmeckt, also kein Genuss vorhanden ist, wird nur das Notwendigste zu sich genommen. Wenn es dagegen süße Ananas oder leckeres Eis gibt, sorgt man lieber etwas vor und speichert mehr Energie als unbedingt nötig. Die Erinnerung an diesen Genuss sorgt auch dafür, dass man sich beizeiten wieder auf die Futtersuche macht.

Auch die Instinkte gehören zur Grundprogrammierung und sind angeboren. Da die Instinkte deutlich kompliziertere Vorgänge sind, laufen sie bereits über das Gehirn ab, mit Rückkopplungsschleifen zwischen inneren oder äußeren Eindrücken, Nervensignalen, Hormonen und Neurotransmittern. Sie sind aber immer noch auf der rein chemisch-körperlichen Ebene angesiedelt: Säbelzahn-Tiger (oder die modernere Version: Chef) sehen, hören, riechen → Adrenalin ausschütten → Flucht ergreifen.

Die Abteilung Spieltrieb führt uns dann auch zu der dritten Stufe unseres Überlebenskonzeptes:

3. Prägung oder Konditionierung

Spielen ist - wertfrei betrachtet - lernen und trainieren. Das entspricht aber genau der Prägung oder Konditionierung. Mit dem Spielen lassen sich viele wertvolle Erfahrungen machen, die unserem Überleben dienen können. Umgekehrt lassen sich bereits erlernte Erfahrungen im Spiel trainieren und verbessern.

Eine einfache, aber überlebensnotwendige Auswirkung der Konditionierung ist zum Beispiel, dass wir das Laufen lernen, denn sonst wären wir immer von den Eltern abhängig, was spätestens bei deren Tod fatal wäre. Eine modernere Version der Konditionierung ist das Autofahren. Dies wird so lange geübt und immer weiter gefestigt und verbessert, bin man es im Schlaf beherrscht. Denn zugegeben: Als Fahranfänger ist die Chance, ohne Blessuren (dazu zähle ich auch Stress) aus der Sache herauszukommen, doch ein kleines Stück geringer. Alleine der Stress beim Gangwechsel - jetzt muss ich auskuppeln, jetzt den anderen Gang einlegen (welcher war das noch mal und wo finde ich ihn), und jetzt wieder ein-kuppeln - ist für manchen schon ein Horror. Mit ausreichend Übung flutscht das aber nur so aus dem Unterbewusstsein (Was ist denn das? Gibt es das überhaupt? Habe ich das auch? Ist das ansteckend? - Dazu in einem späteren Beitrag mehr...).

Aber auch emotionale Konditionierung geschieht auf dieser Ebene. Erlebt ein Mensch zum Beispiel immer wieder Ablehnung, ohne als Ausgleich Liebe und Zuneigung zu bekommen, dann prägt auch das. Besonders prägend sind die Erfahrungen, die man in der Kindheit macht, wenn noch kein kritisches Filter ausgebildet ist. Dieses entwickelt sich so ab den fünften Lebensjahr, kommt aber erst so richtig mit der Pubertät in Gang.

Auf dieser Stufe des Überlebenskonzeptes wird es immer komplexer, es werden weitere Teile des Gehirns in Anspruch genommen und hier kommt die Erinnerung mit ins Spiel. Wir verlassen damit die rein chemisch-körperliche Ebene.

4. Verstand

Und schließlich als letzte, oberste und krönende Stufe des Überlebens: Der Verstand!

Als größte Stärke des Verstandes sehe ich die Möglichkeit, dass das Gehirn quasi Prognosen erstellen kann. Ohne je die Erfahrung gemacht zu haben, stellt es eine Hochrechnung an nach dem Motto: Was wäre, wenn...? Damit kommt der Mensch in eine ganz andere Kategorie der Überlebensmöglichkeiten! Er braucht nicht mehr nur reagieren, nun kann er agieren und auch Vorsorge treffen.

Die Kombination von Verstand mit dem kritischen Filter versetzt uns in die Lage, aus den Erfahrungen und den Möglichkeiten des Verstandes neue Lösungsstrategien zu entwickeln und effizient mit den vorhandenen Speicherkapazitäten umzugehen. Dabei übernimmt das kritische Filter so eine Art Parkwächter-Funktion. Neue Erfahrungen werden auf ihren Bekanntheitsgrad geprüft:

  • Kenne ich → lasse ich durch, wird nötigenfalls verarbeitet
  • Kenne ich nicht, muss ich auch nicht reagieren  → kommt hier nicht rein
  • Kenne ich nicht, könnte ich aber mal brauchen → kann ich ja mal abspeichern
  • ...

Besonders der erste Punkt „kenne ich, also lasse ich es durch” kann recht problematisch werden. Denn wenn das eine hinderliche Geschichte ist, dann wird auch diese „Autobahn” verstärkt.

Das mit dem Speichern ist überhaupt so eine Sache! Wie schon bei der Prägung gilt: Je öfter etwas gemacht wird, egal ob Tätigkeit oder emotionale Erfahrung, je öfter ein Gedanke gedacht wird, desto ausgetretener und bequemer wird der Pfad, der zu dieser Erfahrung beziehungsweise der Erinnerung daran führt, bis er schließlich einer ICE-Strecke gleicht: Feste eingefahrene Schienen, auf denen die Nervenimpulse mit rasender Geschwindigkeit hin- und herlaufen können. Von diesen eingefahrenen Gleisen weg zu kommen bedarf eines recht hohen Aufwands.

Der Verstand kann Situationen kritisch hinterfragen und uns damit viele Ängste nehmen. Allerdings kann er auch den umgekehrten Effekt erzeugen: Durch Assoziationsketten und in die Zukunft reichende Prognosen über das Risiko kann er dafür sorgen, dass manche Ängste viel stärker zum Tragen kommen als es notwendig wäre. Angst ist aber immer schon ein schlechter Berater gewesen, vor allem, weil dadurch die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns reduziert und im Extremfall fast komplett abgeschaltet wird. Das hatte ja durchaus seinen Sinn. Wenn ich dem Säbelzahn-Tiger gegenüberstehe, will ich nicht zuerst überlegen, welche Strategie ist nun die effektivste (ob ich ihn vielleicht tot quatschen kann?), da ist weglaufen angesagt, alle Energie in die Muskeln! Heute ist dieser Mechanismus allerdings eher hinderlich.

Solange sich noch kein arbeitsfähiger Verstand herausgebildet hat, haben wir alles unbesehen abgespeichert, bewertet nach den Gesichtspunkten: Tut gut, tut nicht gut, braucht Energie. Erst als sich der Verstand langsam herausgebildet hat, war ein differenzierteres Bewerten möglich.

Die Basis des Verstandes sind die Reflexe, die Instinkte und das, was uns geprägt hat, unsere individuellen Erfahrungen also, die wir solange unbesehen abgespeichert haben, bis ein sich arbeitsfähiger Verstand entwickelt hat. Ohne diesen Erfahrungsschatz hätte der Verstand keine Grundlage, auf der er Prognosen erstellen kann. Er hätte nichts, von dem aus er ein Szenario „Was wäre, wenn...” berechnen könnte.

Die gundlegendsten Erfahrungen stammen also aus einer Zeit, in der es noch keinen kritischen Verstand gab! Aber weder die Instinkte noch das Konditionierungssystem haben mit der Entwicklung des Menschen Schritt gehalten. Sie sind nicht an unsere heutige Zeit angepasst. Aber auf dieser Grundlage baut sich unser Verstand auf. Und ein System mit dieser Grundlage, nämlich der Verstand, hat sich zum Chef über das Ganze auf geschwungen?

Ich frage mich, wie stark ich mich blind auf ein System verlassen kann, das auf einer solchen Basis aufbaut...