Tatsächlich? Wem ist das peinlich? Was könnte denn peinlich sein? Stelle Dir folgende Situation vor:

Du hältst vor einer Menge Menschen, sagen wir mal 150 Leute, eine Vortrag. Du tigerst bestimmt schon seit zehn Minuten auf der Bühne hin und her, hast dich gerade so richtig warm geredet, da kommt einer der Zuhörer auf die Bühne und flüstert Dir ins Ohr, dass deine Hose wagen-weit offen steht. Ist das peinlich?

Ich denke nein! Die Situation an sich ist neutral. Nur, wie Du damit umgehst, entscheidet, ob es peinlich wird oder nicht. Du kannst Dich verschämt auf die Seite oder gar umdrehen (oder noch schlimmer: die Bühne verlassen) und den Reißverschluss schließen - sei dir sicher, Murphy schlägt zu und der Reißverschluss klemmt. Oder Du kannst dich höflich bedanken, den Reißverschluss schließen und gleich mit deinem Vortrag fortfahren.

Wie reagieren die Zuhörer jeweils? Ich denke, die zweite Möglichkeit lässt erkennen, dass es Dir nicht peinlich ist, also bleibt die ganze Angelegenheit neutral. Sie zeigt eher deine Souveränität, die Situation so zu meistern, dass sie nicht peinlich wird. Erst wenn es Dir peinlich wird, dann wird etwas peinlich. Deine Konzentration liegt nicht auf deiner Aufgabe, sondern auf den anderen Menschen.

Menschen, die sich auf die Aufgabe konzentrieren, also die zweite Möglichkeit wählen, haben diese Fähigkeit bewusst erworben. Menschen, die die erste Möglichkeit nehmen, haben es versäumt, sich die Fähigkeit, sich auf die Aufgabe statt auf die anderen zu konzentrieren, anzueignen. Das könnte man vielleicht als peinlich bezeichnen...

Na gut, es gibt ja auch noch die Möglichkeit, dass Dir dein Gegenüber sagt, was peinlich ist und was nicht. Dein Gegenüber gibt Dir sicherlich die Absolution, wenn Du dich an seine Regeln der Peinlichkeit hältst. Siehst Du den Manipulationsversuch darin? Nach wessen Regeln möchtest Du spielen? Nach seinen oder nach deinen?