Nein, ich will hier nicht gegen das Militär zu Felde ziehen. Das halte ich über kurz oder lang sowieso für eine aussterbende Spezies. Und glücklicherweise gibt es in Deutschland kaum noch jemanden, der gezwungen wird, sich das Militär anzutun, wenn er doch gar nicht will.

Aber es gibt auch hier in Deutschland noch Bereiche, in denen sich ein Mensch dem zwangsweise unterwerfen muss. Das Schlimme dabei ist, er weiß es vorher nicht! Denn der Ton, der in den Kasernen herrscht, ist in nur leicht veränderter Form auch in vielen pflegenden Einrichtungen zu finden. Und nicht nur der Ton, sondern auch die Denkweise:

Ich Fachkraft – Du Patient, ich Ahnung – Du keine! Also hast Du zu tanzen wie ich pfeife. Freilich: Das Pflegesystem hat mittlerweile enge Grenzen. Da ist kaum noch Platz für Menschlichkeit. Aber den Hilfebedürftigen so lange in das Schema pressen, bis er passt? Den Patienten oder Heimbewohner mit seinem Problem an die Methode anpassen?

Ist es das, warum der Arzt Medizin studierte, die Krankenschwester und der Altenpfleger ihre Berufe wählten? War da nicht mal die Rede davon, Menschen in Not und hilfebedürftigen Menschen auch zu helfen? Oder ist die Hilfe nur ein Nebenprodukt?

Wäre man vielleicht doch lieber gerne zum Militär gegangen, ist aber aus irgendeinem Grunde nicht genommen worden? Sind Drill, Uniformen, Kommandieren die Hauptsache? Oder Macht über Schutzbefohlene ausüben? Dafür ist ein Pflegeberuf eine ganz üble Spielwiese! Die Welt wäre viel humaner, wenn solche Menschen nur beim Militär vorkämen...

Manchen Patienten in den Krankenhäusern mag der Kommandoton ja für eine gewisse Zeit gefallen. Die sehen das als Spiel an und haben ihren Spaß, mal für eine Weile so herumkommandiert zu werden. Schließlich ist für die meisten Patienten ein Ende ja abzusehen. Aber auch da ist spätestens nach zwei oder drei Wochen Schluss mit lustig. Dann wird es nur noch nervig.

Was ist aber mit den „Sensibelchen“ unter den Patienten oder Heimbewohnern? Viele dieser Menschen sind alleine schon deshalb, weil sie Hilfe benötigen, in Selbstwert und Selbstachtung angeschlagen, das Selbstvertrauen geht Richtung Keller. Sie sind nicht mehr vollwertig, weil sie ja Hilfe benötigen. So denken sie wenigstens. Wenn dann auch noch die Pflegekraft daher kommt und dem zu Pflegenden das Gefühl vermittelt, er hätte keine Ahnung, die Pflegekraft alleine weiß, was für den Hilfebedürftigen gut ist – was richtet das bei diesen Menschen an? Ist er denn tatsächlich kein vollwertiger Mensch mehr? Kann er tatsächlich nicht mehr selbst entscheiden?

Was ist mit den Menschen, die die Verantwortung für ihr Leben wenigstens einigermaßen ernst nehmen und sie nicht an der Praxistür, der Krankenhauspforte oder dem Eingang zum Heim abgeben? Die so weit wie möglich selbst über sich entscheiden wollen? Sicher haben die Pflegekräfte – das meine ich übrigens im erweiterten Sinne, nämlich inklusive der Ärzte und Heimleiter – fachlich deutlich mehr Ahnung als der Patient, wenn er nicht gerade selbst aus diesem Bereich kommt. Aber das betrifft nur die medizinische und pflegerische Seite. Daneben hat der Hilfebedürftige aber auch noch eine menschliche Seite. Er will selbst entscheiden, ob zum Beispiel der Neffe oder die Enkelin ein paar Euro bekommt, wie früher auch... Aber Geldkarte, Geldbeutel, Ausweis werden „aufgeräumt“. „Brauchst Du ja jetzt nicht mehr, ich regle ja jetzt alles für Dich.“ Stille, schleichende Entmündigung – Selbstwert ade, Depression vorprogrammiert.

Den Gipfel finde ich – spätestens in diesem Zusammenhang – dann auch den Kommandoton. Hier wird mit den Ängsten der Hilfebedürftigen gespielt. Die Ängste werden schamlos ausgenutzt: Wenn Du nicht so spurst wie ich will, dann kann ich nicht garantieren, weiterhin so... Das sagt natürlich keiner, aber man muss ja auch nicht immer alles aussprechen. Welcher Pflegebedürftige kuscht da nicht?

Traurig finde ich, dass das vor allem bei der heimischen Pflege gar nicht so selten vorkommt. Dabei sollte man doch annehmen, dass hier doch noch mehr Raum für Menschlichkeit und Verständnis vorhanden ist. Oder sehe ich das falsch? Warum nimmt man den Pflegebedürftigen denn bei sich auf, wenn nicht, um ihm den geschäftsmäßigen Pflegebetrieb zu ersparen und mehr Menschlichkeit hier hinein zu bringen?