Ups! Ich hatte im ersten Teil versprochen, dass ich in diesem Teil dazu komme zu erklären, wie dieses Wissen nun im Mentaltraining nützlich eingesetzt wird. Aber das Thema ist doch zu umfangreich und erklärungsbedürftig. So musst Du dich noch eine Weile gedulden. Aber ich verspreche Dir: Es wird nicht langweilig werden!

Im ersten Teil dieser kleinen Serie haben wir erfahren, dass unser Nervensystem mit Strömen und Botenstoffen arbeitet. Die Ströme kommen dabei als Impulse an – wie ein „Piep Piep“ – und werden durch Pulks von Botenstoffen weitergereicht. Übrigens: Damit das alles auch reibungslos funktioniert, müssen die Geschwindigkeit, in der die Impulse kommen, und die, in der die Pulks von Botenstoffen in den Synapsen ausgestoßen und weitergereicht werden, natürlich übereinstimmen.

Äh, nein, der Piep ist meist nicht der, den man auf der Intensivstation hört. Dort ist es eher der Herzschlag, der Piep macht.

Gehirnfrequenzen

Über die Zeit hat man auch festgestellt, dass in verschiedenen Situationen die Nervenimpulse mit verschiedenen Geschwindigkeiten auftreten. Umgangssprachlich könnte man sagen, dass die Gehirnzellen, aber auch die übrigen über den Körper verteilten Nervenzellen, je nach Situation mit unterschiedlich schnellen Schwingungen arbeiten. Und genau diese unterschiedlichen Geschwindigkeiten hängen mit Aufmerksamkeit, Entspannung, Konzentration, Stress und anderem zusammen, wie man im Laufe der Jahre bemerkt hat.

Diese Schwingungen und Situationen hat man zu Gruppen zusammengefasst und diesen Gruppen bestimmte „Bewusstseinszustände“ zugeordnet. Einen Überblick über die Gruppen, auch Frequenzbänder genannt, und wofür diese stehen, gibt die folgende Tabelle, die ich bei Wikipedia gefunden habe:

EEG-Frequenzbänder

FrequenzbandFrequenzZustandMögliche Effekte

Gamma

38 - 70 Hz

Anspruchsvolle Tätigkeiten mit hohem Informationsfluss

Transformation oder neuronale Reorganisation

Beta

Hoch

21 - 38 Hz

Hektik, Stress, Angst oder Überaktivierung

Sprunghafte Gedankenführung

Mittel

15 - 21 Hz

Hellwach, normale bis erhöhte nach außen gerichtete Aufmerksamkeit und Konzentration

Gute Intelligenzleistung

Niedrig (SMR)

14 - 15 Hz

Entspannte nach außen gerichtete Aufmerksamkeit

Gute Aufnahmefähigkeit und Aufmerksamkeit

Alpha

8 - 14 Hz

Leichte Entspannung, Hypnose, Super Learning (Unterbewusstes Lernen), nach innen gerichtete Aufmerksamkeit, geschlossene Augen

Erhöhte Erinnerungs- und Lernfähigkeit

Theta

Hoch (Theta 2)

6,5 - 8 Hz

Tiefe Entspannung, Meditation, Hypnose, Wachträumen

Erhöhte Erinnerungs- und Lernfähigkeit, Konzentration, Kreativität

Niedrig (Theta 1)

4 - 6,5 Hz

Hypnagogisches Bewusstsein (Einschlafen), Hypnose, Schlaf

 

Delta

0,5 - 4 Hz

Tiefschlaf, Trance

 

 

 

Streng (Schul-)wissenschaftlich gesehen gibt es dafür (noch) keine ausreichenden Belege, geschweige denn Beweise. Deshalb wird in der Tabelle auch von „möglichen“ Effekten gesprochen. Trotzdem wird im Mentaltraining bereits sehr erfolgreich damit gearbeitet. Meiner Meinung nach geht es hier übrigens wie in der Homöopathie oder Akupunktur: Kein Mensch kann wissenschaftlich erklären, warum es so ist, aber es wirkt. Und wie heißt es so schön?

Wer heilt (beziehungsweise in diesem Fall hilft) hat recht!

Das geben mittlerweile auch hart-gesottene Schulmediziner zu.

Der übliche Zustand am Tag ist der beta-Zustand. Aber auch den alpha-Zustand kennt jeder, wenn man sich dessen auch meistens nicht bewusst ist: Tag-träumen, vor sich hin sinnieren, relaxt Musik hören, sich in ein Buch oder in einen Film vertiefen – jeder kennt das.

Eine interessante Grenze

Ein entscheidender Punkt in dieser Tabelle – aber auch im richtigen Leben – ist der Übergang von beta nach alpha. Im beta und „oberhalb“ ist die Aufmerksamkeit nach außen gerichtet, im alpha und „unterhalb“ dagegen nach innen.

Schaue Dir einmal das folgende Bild an:

Ich_Ei_leer

Dieses Ei stellt das Ich dar, ganz unstrukturiert.

Und so kommt der Mensch auf die Welt:

Ich_Ei_angeboren

Bei der Geburt ist der Mensch mit gewissen angeborenen Fähigkeiten ausgestattet: den Instinkten, den Reflexen, den lebensnotwendigen Körperfunktionen. Input bekam er bisher keinen direkten über seine Sinnesorgane. (Was aber nicht heißen soll, dass er bisher gar nichts mitbekommen hat!)

Das ändert sich mit der Geburt:

Ich_Ei_Input

Der kleine Wurm saugt alles, was auf ihn einströmt, wie ein Schwamm auf, ohne nach gut oder schlecht zu bewerten. Er reagiert ganz instinktiv auf schöne wie unerfreuliche Erlebnisse, aber alles wird so verankert wie es ist. Erst im Laufe der Zeit, so ab dem fünften oder sechsten Lebensjahr bis ungefähr zur Pubertät bildet sich das kritische Filter heraus:

Ich_Ei_kritisch

Der Zeitpunkt, wenn sich das kritische Filter anfängt, sich heraus zu bilden, fällt ungefähr damit zusammen, dass sich der kleine Mensch seiner Selbst bewusst wird. So langsam kann er immer besser zwischen sich und dem außen unterscheiden.

Das kritische Filter erlaubt dem kleinen Menschen immer mehr zu erkennen: Habe ich das schon mal erlebt oder ist das neu? Und er versucht auch anhand der bisherigen Erlebnisse zu bewerten, ob das gut oder schlecht für ihn ist. Mehr noch: Bei unbekannten Erlebnissen versucht er zu beurteilen: Brauche ich noch mal oder brauche ich es nicht? Oder anders ausgedrückt: Das lasse ich rein und das nicht!

Das kritische Filter bedeutet also eine Grenze zwischen bewusst und unterbewusst, genau so wie ungefähr 14 Hz die Grenze zwischen beta und alpha ist.

So, jetzt haben wir aber, so denke ich jetzt, alle Grundlagen erarbeitet. Im nächsten Teil geht es daran, wie man diese Erkenntnisse gewinnbringend einsetzen kann.