Vor ein paar Tagen habe ich mit einer ganz lieben Freundin telefoniert. Und bei einem Thema meinte Sie: „Weißt Du, ich habe nach einem Paar-Coaching mal was für die beiden geschrieben, so ganz aus dem Bauch heraus. Das passt hier ganz gut zu diesen Thema. Das schicke ich Dir, lies es einfach mal. Es ist nicht so kompliziert wie es vielleicht scheinen mag.“ – Oh, wie recht sie mit dem kompliziert doch hatte. Doch mit dem „scheinen" bin ich nicht ganz einverstanden.

Das erste Mal, als ich versuchte, diesen Text zu lesen, habe ich beim dritten Absatz aufgehört. 'Nicht jetzt, ich stecke gerade voll im nachmittäglichen Verdauungsloch. Da brauche ich mehr Konzentration.'

Der zweite Versuch war dann später am Nachmittag im zweiten Hoch des Tages (das aber nicht so gut ist wie das morgens). Auch hier schaffte ich es nicht, den Text zu Ende zu lesen.

Aller guten Dinge sind drei...

Beim dritten Versuch morgens im absoluten Leistungshoch war es dann so weit! Ich habe den Text komplett lesen können und beim dritten Durchgang habe ich dann auch alle Gedankengänge entwirren können, die hier verwoben waren.

„Aus dem Bauch raus“, das kann meine Freundin sehr gut! Das ist es, was Sie und ihre Arbeit ausmacht – neben anderem natürlich. Aber so, wie sie redet, wenn sie so voll im Bauchgefühl ist, so schreibt sie dann auch! Und das macht es einem anderen manchmal schwer, ihr zu folgen.

In einem Rutsch

Beim Lesen ihres Textes ist mir aufgefallen, dass sie meine erste Regel, die ich beim Schreiben habe, voll und ganz befolgt, vermutlich ohne sie zu kennen: Den ersten Entwurf einfach mal so in einem Rutsch herunter schreiben. Dann ist man im Fluss, dann flutscht es und man hat all das zu Papier oder auf dem Bildschirm gebracht, was einem zu diesem Thema im Kopf herum spukt.

Schreiben ist Arbeit

Aber dann sollte die Arbeit mit dem Text beginnen. Gut, bei Texten, die man für sich selbst schreibt, ist das nicht so wichtig. Aber gerade wenn diese Texte auch andere Menschen lesen sollen, dann sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass diese Menschen die eigenen Gedankengänge meist nicht kennen. Und dieser Text ist geradezu ein Paradebeispiel dafür, dass ein Text oft sehr schwer lesbar wird, weil so viele Gedankengänge und Einwürfe in Bandwurmsätzen miteinander verwoben sind.

Da fängt zum Beispiel ein Satz an, dann kommt ein Nebensatz, in diesem Nebensatz ein Einwurf mit Gedankenstrichen, der Nebensatz geht weiter, wird mit einer Einfügung in Klammern kommentiert und der Nebensatz, der das ganze beschließt, wird mit Gedankenstrich statt Komma angefügt. (Hast Du da selbst die Übersicht über deine Gedankengänge verloren oder ist das künstlerische Freiheit?) Das Ganze ist gespickt mit gesperrt geschriebenen, ganz in Großbuchstaben geschriebenen und in camelcase geschriebenen Worten. (Camelcase ist, wenn man mitten in einem zusammengesetzten Wort das neue Wort wieder mit einem Großbuchstaben beginnt, zum Beispiel KinderHerzen, EigenLiebe...)

Das, was sie geschrieben hat, ist schon nicht ganz leicht verdauliche Kost, denn es geht sehr ans Gefühl. Aber in diesem Text muss man sich das auch noch richtiggehend erarbeiten. Vielleicht die Absicht meiner Freundin, dass der Empfänger dieses Textes sich in jeglicher Hinsicht mit dem Text auseinandersetzen muss?

Versteht der Leser, was ich ihm sagen will?

Jedenfalls bin ich der Meinung, dass das auch anders geht. Der Text – genauer gesagt sein Gehalt – ist klasse, keine Frage. Aber der Inhalt könnte durch Überarbeiten aus Sicht des Empfängers für diesen wesentlich leichter verständlich werden. Mich jedenfalls hat die Kompliziertheit des Textes daran gehindert, mich da auch reinfallen zu lassen. Immer wieder wurde ich im Lesefluss aufgehalten, musste wieder zurück an den Anfang des Satzes, manchmal sogar noch ein oder zwei Sätze weiter zurück, weil ich den Überblick verloren hatte. Und wer mich kennt, der weiß, dass das selten vorkommt.

Vielleicht übersetze ich den Text ja irgendwann mal in etwas leichter verständliches. Jedenfalls hat er mich darin bestärkt, hin und wieder auch darüber zu schreiben, wie man so schreibt, dass es für den Leser den größtmöglichen Nutzen bringt. Ich bin zwar auch nicht die perfekte Schreiberin, aber die Reaktionen auf mein Geschreibsel zeigen mir, dass meine Texte ankommen und locker rüber kommen. Und das ist eines der wichtigsten Ziele meiner Schreiberei.