Mal Hand aufs Herz: Was für Texte liest Du lieber: Bürokraten-Deutsch, Rechtsanwalt-Deutsch, Beamten-Deutsch, hochgestochen wissenschaftliche, kompliziert formulierte oder solche, die einfach lesbar sind?

Ich kann mir vorstellen, dass sich jetzt die meisten für die letzte Sorte von Text entscheiden. Wenn ich einen kompliziert formulierten Text lese, dann muss ich viel meiner gedanklichen Energie erst mal auf das Entwirren des Textes verwenden. Da bekomme ich leicht eine Abneigung gegen den Text, auch wenn der Inhalt noch so interessant ist und mich ansprechen könnte. Immerhin habe ich ja ein Energiesparprogramm eingebaut und hier muss ich mehr Energie aufwenden als nötig wäre.

So ergeht es mir mit allen Texten, die sich nicht einfach locker lesen lassen. Oft genug brauche ich alleine schon mehrere Anläufe, um den Text zu Ende zu lesen. Dann ist aber immer noch nicht gesagt, dass ich auch verstanden habe, was mir der Schreiberling sagen will...

Besonders, wenn der Sachverhalt, der in diesem Text erklärt wird, selbst schon kompliziert genug ist, habe ich mit dem Text dann ein Problem. Dabei wäre alles so einfach!

Schaue Dir mal einen Text an, sagen wir mal eine Selbstdarstellung auf einem Flyer oder einer Homepage. Die Selbstdarstellung ist überhaupt ein sehr ergiebiges Thema, aber das nur mal nebenbei. Und dann überlege Dir mal, ob das die Worte wären, die Du zu hören bekämst, wenn ihr euch gegenübersteht und Du beispielsweise fragst: „Was machst Du eigentlich beruflich?“ Du kannst Dir sicher sein: Nee, da fallen ganz andere Worte! Der Inhalt ist zwar derselbe, aber ganz anders verpackt!

Wie oft stolperst Du über Texte, bei denen Du denkst: „So spricht doch kein Mensch!“ Wenn Du das nicht denkst, dann vermutlich nur deshalb, weil Du es schon gewohnt bist, solch einen Stil zu lesen. Aber stelle Dir mal vor, was für Gefühle ein „gestelzt“ formulierter Text in Dir hervorruft. Und jetzt stelle Dir im Gegensatz dazu ein Text vor, der viel normaler formuliert ist.

Und? Kannst Du dir den Unterschied vorstellen? Also mir geht es so, dass ich mich bei dem normaleren Text viel wohler, aufgehobener und verstandener fühle. Ich bin dem Schreiber näher als bei einem üblich formulierten Text. Da entsteht viel schneller ein Gefühl der Nähe und Vertrautheit!

Wenn ich also etwas schreibe, dann gebe ich immer darauf Acht, dass ich es möglichst einfach formuliere. Eben so, wie ich es auch sagen würde. Das geht sogar bei geschäftlichen Briefen! Natürlich spreche ich mit einem Geschäftspartner anders als mit einer guten Freundin, aber ich spreche mit dem Geschäftspartner auch nicht so, wie ich früher meine Geschäftsbriefe verfasst habe.

Natürlich lehne ich mich damit etwas aus dem Fenster, gebe etwas von mir preis, wenn ich einen Text so formuliere, wie ich auch sprechen würde. Ich gebe etwas von meiner Persönlichkeit preis. Aber ist das so schlimm?

Wenn ich wie allgemein üblich formuliere, dann verstecke ich mich damit in der Masse, werde austauschbar. Willst Du austauschbar sein?

Wenn ich aber so schreibe, wie mir der Schnabel gewachsen ist, dann zeige ich: Hier schreibt ein Individuum. Ein Mensch mit seiner eigenen Art, seiner Einzigartigkeit. Da steckt ein Mensch dahinter!

Noch mal: Natürlich rede ich mit verschiedenen Menschen unterschiedlich! Je nachdem, wie vertraut ich mit diesem Menschen bin und welcher Art die Beziehung ist, wähle ich auch meine Worte. Und das schlägt sich natürlich auch im geschriebenen Wort nieder. Aber ich bin immer bemüht, so zu schreiben, wie ich spreche. Das macht es dem Leser leichter und ich erzeuge bei Leser gleich noch ein wohliges Gefühl...

Was? Du hast irgendwie einen Filter eingebaut, dass Du automatisch ganz anders schreibst wie Du sprichst? Auch das kenne ich. Dafür habe ich spontan zwei Lösungsansätze:

  1. Entweder Du verwendest erst mal eine Menge Energie darauf, Dich darauf zu konzentrieren, so zu schreiben, wie Du sprichst. Das wird mit der Zeit dann deutlich einfacher.
  2. Oder Du greifst zu einem Hilfsmittel: Führe „Selbstgespräche“, nehme die Selbstgespräche auf (Diktiergerät, MP3-Player mit Aufnahmefunktion,...), höre sie Dir an und schreibe dann das, was Du hörst.

Ich kenne aber auch Leute, die reden bei bestimmten Themen tatsächlich so, wie sie schreiben würden. Da habe ich leider noch keinen Tipp...

Ach ja: Wenn Du Plauderton schreibst, hast Du Ruck-zuck deinen eigenen Schreibstil gefunden!